Alte Wirtshausschilder: Erhalt und Pflege historischer Schätze
Wenn man heute durch unsere Dörfer geht und den Blick hebt, sieht man sie oft erst auf den zweiten Blick: die alten Wirtshausschilder, die seit Generationen über den Eingängen unserer Gasthäuser hängen.

Sie ragen wie eine Nase aus der Fassade in die Gasse, schwere schmiedeeiserne Gebilde aus dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert, getragen von kunstvoll geschwungenen Auslegern, gekrönt von vergoldeten Figuren oder sorgfältig geschnittenen Schriftzügen. Manche leuchten noch in warmem Rot und Gold, andere sind nur noch rostbraune Schemen, an denen die Farbe längst abblättert und der Zahn der Zeit sichtbar an der Substanz nagt.
Wer ein solches Schild besitzt, wer es im Rahmen eines Vereins wie des Oberpfälzer Waldvereins mitbetreut oder wer als Wirtin oder Wirt vor der Frage steht, was mit dem Erbstück über der Eingangstür geschehen soll, steht vor einer Aufgabe, die weit über handwerkliches Können hinausgeht. Es geht darum, ein Stück Regionalgeschichte zu bewahren, das sonst unwiederbringlich verloren geht. Alte Wirtshausschilder zu restaurieren bedeutet deshalb nicht, sie möglichst schnell wieder neu aussehen zu lassen. Es bedeutet, ihre Geschichte zu lesen, ihren Zustand ernst zu nehmen und nur dort einzugreifen, wo es für Erhalt, Sicherheit und Lesbarkeit wirklich notwendig ist.
Das Nasenschild als Kulturgut: Warum diese Schilder mehr sind als reine Werbung
Der Fachbegriff für die rechtwinklig zur Fassade montierten Wirtshaus- und Zunftschilder lautet „Nasenschild“ oder „Ausleger“. Schon im Namen steckt das Bild: Wie eine Nase ragen die schmiedeeisernen Tafeln aus der Gebäudefront in den Straßenraum. Lange bevor es beleuchtete Firmenlogos und moderne Leuchtreklamen gab, waren solche Ausleger eine wirkungsvolle Möglichkeit für einen Wirt, schon von Weitem auf sein Haus aufmerksam zu machen.
Doch sie waren weit mehr als bloße Werbung. Sie waren Ausweis des Standes, des Wohlstands und manchmal auch der konfessionellen oder zünftischen Zugehörigkeit des Hauses. Ein bestimmtes Zeichen konnte auf das Gewerbe, das Angebot oder die Geschichte eines Gasthauses hinweisen. Geschwungene Voluten, klassizistische Ornamente, handgeschmiedete Halterungen oder zierende Blechfiguren erzählen bis heute etwas über die Handwerkskunst vergangener Jahrhunderte.
In unserer Region reichen die Belege für solche Ausleger weit zurück. Für den Zeitraum zwischen 1764 und 1769 sind an Landgasthöfen erhaltene Gestänge dieser Art als Beispiel überliefert; ihre Gestaltung lässt sich der spätbarocken Formensprache zuordnen. Ein Ausleger aus dem Jahr 1790 kann wiederum den Übergang zwischen Rokoko und früher Klassik erkennen lassen, etwa durch seine Ornamentik, ein bekrönendes Wirtssymbol oder fein gearbeitete Ranken. Solche Datierungen sind immer am einzelnen Stück, an seiner Konstruktion, an den Farbfassungen und an archivalischen Hinweisen zu prüfen. Ein einzelnes erhaltenes Beispiel darf nicht zur pauschalen Aussage über alle Wirtshausschilder einer Region werden.
Wer ein solches Stück vor sich hat, hält dennoch ein Dokument in den Händen, das von der Wirtshauskultur einer ganzen Epoche erzählt: von Zunftbrauchtum, von der Bedeutung des Gasthauses als Treffpunkt auf den Handels- und Wanderwegen durch den Oberpfälzer Wald und nicht zuletzt von der handwerklichen Meisterschaft der ortsansässigen Schmiede.
Gerade in einer Grenzregion wie dem Waidhauser Raum, in der sich böhmische, bayerische und pfälzische Einflüsse über Jahrhunderte gekreuzt haben, können diese Schilder wichtige Zeugnisse einer gewachsenen Alltagskultur sein. Sie erinnern an eine Zeit, in der ein Gasthaus nicht nur ein Ort zum Essen und Trinken war, sondern auch Nachrichtenbörse, Versammlungsraum, Übernachtungsort und sozialer Mittelpunkt. Mit dem Aufkommen industrieller Massenproduktion und moderner Werbung veränderte sich diese sichtbare Handwerkskultur grundlegend.
Das Schild gehört dabei nie nur sich selbst. Es steht in Beziehung zur Fassade, zum Haus, zum Straßenraum und zum Ortsbild. Ein Ausleger, der an einem historischen Gebäude hängt, kann deshalb auch für den Charakter eines ganzen Ensembles wichtig sein.
Wer ein historisches Wirtshausschild besitzt, trägt Verantwortung für ein Stück lebendige Regionalgeschichte. Konservieren heißt hier, die Spuren der Zeit zu bewahren, nicht wegzupolieren.
Konservierung statt Erneuerung: Die Grundsätze des Denkmalschutzes
Bevor irgendjemand zur Rostbürste oder gar zum Winkelschleifer greift, lohnt sich ein Blick auf die Leitlinien, nach denen Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger arbeiten. Die wichtigste Regel lautet: Konservieren vor Erneuern. Jede historische Farbschicht, jede Patina und jede noch lesbare Inschrift hat grundsätzlich Vorrang vor einer vermeintlich schöneren Neufassung.
Das heißt nicht, dass jeder Rostfleck unangetastet bleiben muss. Es heißt vielmehr, dass zunächst unterschieden werden muss: Was ist lose und gefährdet die Substanz? Was gehört als gewachsene Altersspur zum Objekt? Wo liegt aktiver Rost, der das Metall weiter aufsprengt? Und welche Schicht ist vielleicht eine jüngere Überfassung, die trotzdem Teil der Geschichte des Schildes geworden ist?
Wer ein altes Wirtshausschild mit aggressiven Abbeizmitteln behandelt, mit grobem Schleifpapier überzieht oder gar mit dem Hochdruckreiniger bearbeitet, zerstört oft in wenigen Minuten, was Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauert hat. Besonders gefährdet sind dünne Blechpartien, Farbkanten, Vergoldungen und die Übergänge zwischen geschmiedeten, genieteten und gelöteten Bauteilen.
Beim Denkmalschutz bei Gaststättenschildern kommt außerdem die rechtliche Seite hinzu. Nicht jedes alte Schild ist automatisch ein eingetragenes Denkmal. Umgekehrt kann ein Wirtshausschild als Bestandteil eines denkmalgeschützten Gebäudes oder eines geschützten Ensembles unter besonderen Schutz fallen. Auch wenn das Objekt selbst nicht einzeln erfasst ist, können Veränderungen an der Fassade genehmigungspflichtig sein. Vor einer Demontage, einer neuen Farbfassung oder einer statischen Änderung sollte deshalb geklärt werden, ob die zuständige Denkmalschutzbehörde oder eine Fachstelle einzubeziehen ist.
Die Grundsätze lassen sich auf einige Leitgedanken verdichten:
- Historische Substanz wird gesichert, bevor sie ersetzt wird.
- Eingriffe bleiben so klein wie möglich und so umfangreich wie nötig.
- Neue Materialien müssen mit dem Bestand verträglich sein.
- Ergänzungen sollten, bei aller Rücksicht auf das Gesamtbild, als Ergänzungen erkennbar bleiben.
- Maßnahmen werden dokumentiert und möglichst reversibel ausgeführt.
- Die Gebrauchssicherheit darf nicht gegen den Erhalt ausgespielt werden.
Reversibilität bedeutet, dass eine spätere Generation eine Ergänzung wieder entfernen oder verändern kann, ohne das Original weiter zu beschädigen. Bei Anstrichen, Festigungen und kleineren Ergänzungen ist das nicht immer vollständig erreichbar. Es bleibt aber ein wichtiges Ziel. Ein historisches Objekt sollte nicht durch eine heutige Reparatur für künftige Untersuchungen und Verbesserungen verschlossen werden.
Eine fachgerechte Restaurierung beginnt deshalb nicht mit dem Werkzeug, sondern mit der Dokumentation. Fotos aus allen Blickwinkeln, Detailaufnahmen der Schäden, eine Skizze der Konstruktion und eine möglichst genaue Aufnahme der vorhandenen Farbschichten bilden die Grundlage. Auch die Befestigung an der Fassade gehört dazu. Ein Schild kann äußerlich gut erhalten wirken und dennoch an der Wandverankerung, an einer Schraubverbindung oder im Inneren eines Hohlkörpers gefährdet sein.
Alte Wirtshausschilder restaurieren: Eine Anleitung für die ersten Schritte
Die eigentliche Restaurierung von Metallschildern sollte nicht nach einem starren Rezept ablaufen. Schmiedeeisen, Gusseisen, dünnes Blech, Holz, Lot, Nieten, Farbfassungen und Vergoldungen reagieren unterschiedlich. Trotzdem gibt es eine sinnvolle Reihenfolge, die Schäden verhindert und Entscheidungen nachvollziehbar macht.
1. Zustand aufnehmen und fotografisch sichern
Vor jeder Reinigung wird das Schild im montierten Zustand fotografiert. Wichtig sind nicht nur Gesamtaufnahmen, sondern auch die Rückseite, die Aufhängung, die Übergänge zum Ausleger, Risse, Durchrostungen, lose Farbschollen und die Unterseite von Figuren. Bei einem mehrseitigen Nasenschild müssen beide Ansichten erfasst werden.
Auf einer einfachen Skizze lassen sich Schadstellen markieren. Dabei sollte notiert werden, ob es sich um lose Farbe, oberflächlichen Rost, tiefe Lochkorrosion, Risse, Verformungen oder fehlende Teile handelt. Farbschichten können an unauffälligen Stellen vorsichtig untersucht werden. Solche Befundfenster gehören in die Dokumentation; sie sollten nicht flächig angelegt werden, nur um eine vermeintlich ursprüngliche Farbe zu finden.
2. Lose Verschmutzungen schonend entfernen
Staub, Spinnweben und lose aufliegender Schmutz werden mit weichen Bürsten und vorsichtigem Absaugen entfernt. Eine harte Drahtbürste kann wertvolle Farbreste abreißen und die Oberfläche des Metalls verändern. Auch Wasser ist nicht grundsätzlich verboten, bei offenem Rost, Rissen oder Hohlkörpern aber mit großer Vorsicht einzusetzen. Feuchtigkeit, die in Spalten und Innenräume gelangt, kann dort lange bleiben.
Festsitzende Korrosion muss nicht automatisch vollständig entfernt werden. In manchen Bereichen gehört sie zum historischen Erscheinungsbild oder sitzt so eng mit alten Farbschichten zusammen, dass eine aggressive Entfernung mehr Substanz zerstören würde, als sie rettet. Entscheidend ist, ob der Rost aktiv weiterarbeitet und ob er die Stabilität gefährdet.
3. Korrosion behandeln und Untergrund sichern
Nach der Reinigung wird festgelegt, welche Partien entrostet, welche mechanisch stabilisiert und welche lediglich geschützt werden. Lose Rostschichten können mit geeigneten Handwerkzeugen zurückgenommen werden. Der Einsatz von Strahlmitteln, Rotationsbürsten oder chemischen Entrostern gehört in die Hand einer Fachwerkstatt, besonders wenn Farbreste, Vergoldungen oder historische Beschichtungen erhalten sind.
Konservierende Öle und Wachse können bei bestimmten Oberflächen einen geeigneten Schutz bilden. Sie sind jedoch kein Ersatz für eine fachgerechte Grundierung, wenn anschließend ein deckender Farbanstrich erfolgen soll. Materialaufbau und Verträglichkeit müssen zusammenpassen. Ein Schutzmittel, das auf der einen Oberfläche sinnvoll ist, kann unter einer späteren Farbschicht zu Haftungsproblemen führen.
4. Grundierung und Farbfassung aufbauen
Ist der Untergrund vorbereitet, wird eine geeignete Grundierung dünn und gleichmäßig aufgetragen. Bei historischen Auslegern ist Zurückhaltung entscheidend. Eine zu dicke Beschichtung rundet scharfe Kanten ab, setzt feine Ornamente zu und lässt handwerkliche Details verschwinden.
Die neue Farbfassung sollte sich am Befund orientieren. Das bedeutet nicht zwingend, die älteste nachweisbare Farbschicht vollständig zu rekonstruieren. Oft haben mehrere Fassungen ihre eigene historische Aussage. Eine spätere Farbgebung kann für die Nutzungsgeschichte des Gasthauses ebenso wichtig sein wie der ursprüngliche Anstrich. Wo Farbe fehlt, wird deshalb nur so weit ergänzt, dass Schrift und Gestaltung wieder verständlich werden und das Gesamtbild nicht auseinanderfällt.
| Arbeitsschritt | Ziel | Mögliche Vorgehensweise |
|---|---|---|
| Dokumentation | Ausgangszustand und Schäden festhalten | Gesamt- und Detailaufnahmen, Skizze, Befundnotizen |
| Reinigung | Lose Ablagerungen entfernen | Weiche Bürsten, vorsichtiges Absaugen |
| Korrosionsbehandlung | Aktiven Rost begrenzen | Mechanische Sicherung, geeignetes Konservierungsmittel |
| Grundierung | Tragfähigen Untergrund schaffen | Dünner, mit dem Bestand verträglicher Grundieraufbau |
| Farbfassung | Lesbarkeit und Schutz verbessern | Dünne Farbschichten nach Befund und Gestaltung |
| Schlussbehandlung | Oberfläche gegen Witterung schützen | Geeigneter Schutz, abgestimmt auf Material und Standort |
| Montagekontrolle | Sicherheit und Befestigung prüfen | Verankerungen, Ausleger, Verbindungen und Neigung kontrollieren |
Diese Tabelle ersetzt keine Zustandsuntersuchung. Sie zeigt lediglich die Reihenfolge, in der die Arbeit meistens sinnvoll gegliedert wird. Gerade bei wertvollen oder stark geschädigten Schildern sollte die Ausführung einer Restauratorin oder einem Restaurator mit Erfahrung in Metall und gefassten Oberflächen überlassen werden.
Eine Restaurierung lässt sich nicht beschleunigen, indem man Schichten überspringt. Jede Stufe braucht ihre eigene Zeit. Diese Geduld macht den Unterschied zwischen einer fachgerechten Konservierung und einer Bastelei.
Glanzvolle Details: Ölvergoldung und historische Farbfassungen sichern
Was viele Betrachterinnen und Betrachter als Erstes ins Auge fällt, sind die vergoldeten Akzente: das warme Leuchten des Blattgoldes auf Schriftzügen, Wirtshaussymbolen und Zierleisten. Diese Vergoldungen verleihen einem Schild seine besondere Ausstrahlung und sind zugleich empfindlich. Abrieb, Feuchtigkeit, ungeeignete Reinigungsmittel und eine schlecht vorbereitete Oberfläche können die dünne Goldschicht dauerhaft schädigen.
Bei der Ölvergoldung wird nicht mit einem Bologneser Bolus- oder Kreidegrund gearbeitet. Solche Gründe gehören zu anderen Vergoldungstechniken, insbesondere zur klassischen Polimentvergoldung. Für die Ölvergoldung kommt vielmehr eine Ölmixtion beziehungsweise ein ölhaltiges Anlegemittel zum Einsatz. Dieses wird auf den dafür vorbereiteten und ausreichend trockenen Untergrund aufgetragen. Erst wenn die Mixtion den passenden Anlegezustand erreicht hat, kann das Blattgold vorsichtig aufgelegt werden.
Der genaue Aufbau hängt vom Untergrund, vom verwendeten Produkt, von der gewünschten Oberflächenwirkung und vom Einsatzort ab. Eine Vergoldung im Außenbereich muss anders geplant werden als eine rein dekorative Innenvergoldung. Bei einem historischen Ausleger sind außerdem die vorhandenen Farbschichten, die Kanten der Metallteile und die spätere Witterungsbeanspruchung zu berücksichtigen. Ein vorschneller Anschliff oder eine pauschale Versiegelung kann die Haftung beeinträchtigen und den Charakter der Oberfläche verändern.
Das Blattgold wird mit einem weichen Werkzeug angelegt und nur so weit angedrückt, wie es für eine geschlossene, tragfähige Oberfläche erforderlich ist. Überschüssiges Gold wird behutsam entfernt. Jede Berührung hinterlässt Spuren; deshalb sind saubere Hände, geeignete Werkzeuge und ein staubfreier Arbeitsplatz keine Nebensachen. Bei einer Vergoldung, die am montierten Schild ausgeführt werden soll, kommen zusätzlich Wind, wechselnde Temperaturen und die schwierige Körperhaltung hinzu. Häufig ist es schonender, einzelne Teile abzunehmen und in der Werkstatt zu bearbeiten, sofern die Demontage ohne Substanzverlust möglich ist.
Ebenso wichtig wie die Vergoldung selbst ist der Umgang mit den noch vorhandenen Farbfassungen. Bei vielen alten Auslegern liegen mehrere Generationen von Anstrichen übereinander: ein ursprünglicher Korrosionsschutz, eine farbige Erstfassung, spätere Überfassungen und möglicherweise ein Anstrich aus jüngerer Zeit. Diese Schichten sind nicht automatisch wertlos, nur weil sie nicht zum ältesten Zustand gehören.
Lockere Partien können mit einem feinen Pinsel und einem geeigneten, mit dem Bestand verträglichen Festigungsmittel gesichert werden. Welches Mittel infrage kommt, hängt von Bindemittel, Verschmutzung, Temperatur und Feuchte ab. Eine pauschale Empfehlung für jedes Schild wäre deshalb unseriös. Vor einer flächigen Anwendung gehört das Material an einer unauffälligen Stelle geprüft.
Nur dort, wo Farbe unwiederbringlich verloren ist, sollte zurückhaltend ergänzt werden. Ziel ist nicht die makellose Oberfläche, sondern ein stimmiges, lesbares und dauerhaft geschütztes Erscheinungsbild. Eine alte Schrift auf matter, gewachsener Oberfläche kann überzeugender wirken als eine vollständig neu aufgebaute, glänzende Beschriftung.
Wenn der Korpus wankt: Statische Sicherung von Hohlkörpern und Blechfiguren
Viele der prächtigsten Ausleger tragen auf ihrer Krone dreidimensional gearbeitete Figuren: einen Löwen, einen Hirsch, ein Posthorn, einen Bären oder einen Adler. Solche Figuren sind häufig als Hohlkörper aus mehreren zusammengenieteten oder verlöteten Eisenblechen gefertigt. Genau hier lauert eine Gefahr, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.
Von innen heraus kann der Rost weiterarbeiten, oft über lange Zeit unbemerkt. Feuchtigkeit dringt durch offene Fugen, kleine Risse oder beschädigte Lötstellen ein und bleibt im Hohlraum stehen. Die Blechstärke nimmt ab, Verbindungen verlieren ihre Tragfähigkeit, und die Figur wird unter ihrem eigenen Gewicht oder bei stärkerem Wind zunehmend unsicher. Auch der Ausleger selbst kann an verdeckten Stellen geschädigt sein.
Eine statische Prüfung beginnt deshalb nicht mit dem äußeren Anstrich. Befestigungspunkte, Nähte, Nietverbindungen, Auflager und die Verbindung zwischen Schild und Wand müssen gemeinsam betrachtet werden. Bei größeren Figuren kann eine endoskopische Untersuchung oder eine vorsichtige Öffnung erforderlich sein. Solche Eingriffe sollten dokumentiert und nur dort vorgenommen werden, wo sie für die Beurteilung oder Sicherung notwendig sind.
Die fachgerechte Lösung kann in einer verdeckten Innenkonstruktion liegen. Je nach Objekt kommen dafür geeignete Edelstahlprofile, Verstärkungen oder individuell angepasste Träger infrage. Das Ziel besteht darin, die historische Außenhaut zu erhalten und die Last dort abzutragen, wo das geschwächte Blech sie nicht mehr sicher aufnehmen kann. Eine solche Ergänzung darf nicht einfach in den Hohlkörper gepresst werden. Sie muss so geplant sein, dass keine neuen Scheuerstellen, Feuchtenester oder Spannungen entstehen.
Die historischen Außenbleche werden dabei nicht ersetzt, sondern konserviert und, wo notwendig, mit kleinen, rückbaubar ergänzten Blechstücken geschlossen. Neue Teile sollten in der Dokumentation eindeutig ausgewiesen werden. Im fertigen Gesamtbild dürfen sie sich zurücknehmen, müssen bei einer späteren Untersuchung aber erkennbar bleiben.
Bei sehr stark geschädigten Hohlkörpern kann es notwendig werden, die Figur vorübergehend vom Ausleger abzunehmen und in der Werkstatt zu sichern. Jede Demontage birgt Risiken: alte Schrauben können festgerostet sein, Lötstellen brechen, und die Gewichtsverteilung ist oft schwieriger einzuschätzen, als es die äußere Form vermuten lässt. Deshalb braucht es einen Hebe- und Sicherungsplan, geeignete Zwischenlagerung und eine klare Zuordnung aller Einzelteile.
Auch in diesem Stadium gilt: Jede Maßnahme wird dokumentiert, jede Ergänzung kenntlich gemacht, jede Niete und jede Lötstelle bei Bedarf in einer Skizze übertragen. Diese Transparenz ist keine bürokratische Marotte, sondern Ausdruck derselben Achtung vor dem Original, die den gesamten Umgang mit historischen Auslegern prägen sollte.
Witterung, Montage und laufende Pflege
Ein fachgerecht konserviertes Wirtshausschild ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern der Beginn einer fortlaufenden Beziehung. Wie jedes Objekt im Freien ist es Wind, Regen, Frost, Sonne und starken Temperaturwechseln ausgesetzt. Besonders problematisch sind Stellen, an denen Wasser nicht ablaufen kann: waagerechte Bleche, offene Hohlräume, überlappende Verbindungen und beschädigte Farbkanten.
Eine regelmäßige Sichtprüfung muss nicht kompliziert sein. Sie sollte aber immer dieselben Bereiche umfassen:
- Sind neue Risse, Blasen oder Abplatzungen in der Farbfassung zu erkennen?
- Hat sich Rost an Nähten, Nietköpfen oder Übergängen gebildet?
- Steht Wasser auf waagerechten Flächen oder läuft es in den Hohlkörper?
- Wirkt der Ausleger schief, locker oder ungewöhnlich beweglich?
- Haben sich Vergoldungen gelöst oder zeigen sich Abriebspuren?
- Sind Befestigungen an der Fassade noch fest und ohne neue Risse?
- Haben Vögel oder andere Tiere Öffnungen und Hohlräume verändert?
Das Nachölen zugänglicher Metallpartien ist nicht grundsätzlich bei jedem Schild sinnvoll. Je nach Beschichtung kann Öl Staub binden, die Oberfläche verdunkeln oder spätere Anstriche erschweren. Auch Wachse und Schutzlacke dürfen nicht nach dem Prinzip viel hilft viel aufgetragen werden. Pflege muss immer zum vorhandenen Material und zum bisherigen Restaurierungsaufbau passen.
Kleine Schäden sollten früh gemeldet und fachgerecht beurteilt werden. Eine gelöste Farbkante lässt sich meist leichter sichern als eine Fläche, unter die über Jahre Feuchtigkeit eingedrungen ist. Eine lockere Schraube an der Wandverankerung ist schnell entdeckt, solange das Schild noch nicht kippt oder die Fassade ausbricht. Die regelmäßige Kontrolle ist daher nicht nur eine Frage des Erscheinungsbildes, sondern auch der Verkehrssicherheit.
Was bleibt: Wirtshauskultur in der Oberpfalz bewahren
Historische Wirtshausschilder erhalten heißt, mehr zu bewahren als Metall, Farbe und Blattgold. In ihnen verdichten sich die Geschichte eines Hauses, die Arbeit mehrerer Handwerksgenerationen und die Erinnerung an eine Form des öffentlichen Lebens, die unsere Dörfer geprägt hat. Ein Schild erzählt von dem Ort, an dem es hängt, aber auch von den Wegen, die an diesem Ort zusammenliefen.
Gerade deshalb ist eine vollständige Erneuerung nicht automatisch die beste Lösung. Ein neu gefertigter Ausleger kann schön aussehen, aber er besitzt nicht die Materialgeschichte des Originals. Er trägt nicht dieselben Spuren von Reparaturen, Umbauten, Witterung und Nutzung. Diese Spuren müssen nicht ungeordnet oder ungepflegt wirken. Mit einer guten Konservierung lassen sie sich sichern, lesbar machen und in ein stimmiges Gesamtbild einfügen.
Ich erlebe es immer wieder bei unseren Wanderungen durch den Oberpfälzer Wald, wie aufmerksam Menschen auf ein gepflegtes Wirtshausschild reagieren. Es wird zum Anziehungspunkt im Dorfbild, zum Gesprächsstoff am Stammtisch und zum Fotomotiv für Gäste, die unsere Region besuchen. Genau darin liegt der Sinn dieser Arbeit. Wir bewahren nicht nur handwerkliche Substanz, sondern auch das Selbstverständnis unserer Dörfer.
Wer heute sorgfältig konserviert, gibt kommenden Generationen die Möglichkeit, diese Schilder weiterhin als das zu sehen, was sie sind: sichtbare Zeugnisse einer Oberpfälzer Wirtshauskultur, die sich nicht durch eine makellose Oberfläche behauptet, sondern durch ihre erhaltene Geschichte.