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Waldschutz im Amazonas: Warum der Erhalt bestehender Bestände Vorrang vor Aufforstung hat

Eine neue Studie eines internationalen Forscherteams um die Lancaster University, erschienen im Fachmagazin Science und vorgestellt über ScienceDaily, hat diese Frage mit erstaunlicher Klarheit…

Waldschutz im Amazonas: Warum der Erhalt bestehender Bestände Vorrang vor Aufforstung hat

Was wir vom Amazonas über unsere Wälder lernen können

Wenn am Amazonas Wald brennt, dann rückt die Frage nach dem richtigen Schutz plötzlich ganz nah. Eine neue Studie eines internationalen Forscherteams um die Lancaster University, erschienen im Fachmagazin Science und vorgestellt über ScienceDaily, hat diese Frage mit erstaunlicher Klarheit beantwortet – und ihre Botschaft reicht bis in den Oberpfälzer Wald. Wer Vielfalt und Kohlenstoff sichern will, muss zuerst die noch vorhandenen Bestände schützen, bevor er an großflächige Aufforstung denkt.

Die Studie im Überblick

Das Forschungsteam aus Großbritannien, Brasilien, Schweden und Australien hat über drei Millionen Hektar in den Regionen Santarém und Paragominas im brasilianischen Bundesstaat Pará zwischen 2010 und 2020 untersucht. Hochauflösende Satellitenbilder wurden mit umfangreichen Feldbeobachtungen verknüpft: 381 Transekte in 38 Wassereinzugsgebieten, Daten von 499 ländlichen Anwesen sowie Verbreitungsmodelle zu 160 Vogelarten und 426 Baumarten. So konnten die Forschenden rekonstruieren, was ohne bestimmte Maßnahmen passiert wäre – und welche Eingriffe tatsächlich Wirkung zeigten.

Was wirklich wirkt – und was weniger

Das Ergebnis ist eindeutig: Maßnahmen, die Störungen im bestehenden Wald verringern – also selektiven Holzeinschlag und Waldbrände verhindern – brachten den größten Nutzen für die Waldbiodiversität. Beim Schutz der Kohlenstoffvorräte waren sie fast ebenso wichtig wie die Vermeidung vollständiger Entwaldung. Die Wiederaufforstung landwirtschaftlicher Flächen lohnte sich vor allem dort, wo ohnehin nur noch wenig Wald übrig war. Im Gesamtkontext aber schnitt sie am teuersten ab und war allein eingesetzt am wenigsten wirksam.

Professor Jos Barlow von der Lancaster University, Seniorautor der Studie, bringt die Dringlichkeit auf den Punkt: „Diese Ergebnisse zeigen, dass wir Strategien und Mittel brauchen, um Waldbrände in tropischen Wäldern zu verhindern und zu bekämpfen. Das ist in diesem El-Niño-Jahr besonders dringend." Sein Kollege, Erstautor Dr. Leonardo Miranda, ergänzt: „Wir sollten bei den Wäldern beginnen, die wir noch haben. Und Schutz muss mehr bedeuten, als nur Entwaldung zu verhindern – die Vermeidung von Störungen durch Brände oder Holzeinschlag bringt den größten Nutzen für die Artenvielfalt."

Was das für unsere Wälder bedeutet

Die Parallele liegt auf der Hand. Auch bei uns entscheidet sich der Zustand unserer Wälder weniger an Großprojekten als an der Frage, wie wir mit dem alltäglichen Druck umgehen. Trockenheit, Borkenkäfer, kleine Brände – all das sind Störungen, die unseren Wald leise aushöhlen, lange bevor irgendwo ein kahler Fleck zu sehen ist. Eine durchdachte Pflege, die Bestände stabil hält, bevor sie zusammenbrechen, kostet weniger und erhält mehr Leben als jede Neubepflanzung auf der grünen Wiese. Die Amazonas-Studie erinnert uns daran, dass Naturschutz kein Gegensatz zwischen Bewahren und Neu-Schaffen ist. Die Reihenfolge aber ist klar: Erst das Vorhandene sichern – dann mit der Wiederherstellung beginnen. Das gilt am Amazonas wie zwischen Tännesberg und Leuchtenberg.